Wie Mönchengladbach in der Zukunft „qualitativ wachsen“ soll

Karl Sasserath.
Dr. Gerd Brenner.

Mönchengladbach. Insgesamt sechs Millionen Euro - jährlich 1,5 Mio. - will die Große Koalition bis 2019 für ihre neuerliche Offensive „Wachsende Stadt“ ausgeben. Sie hat sich damit das Credo des neuen Baudezernenten Dr. Gregor Bonin zu Eigen gemacht. Der Dezernent mit dem CDU-Parteibuch hatte noch vor Amtsantritt die Maxime „Gladbach als wachsende Stadt“ als erstes gemeinsames Ziel für die „Vitusstadt“ verkündet. Bonin forderte (im September dieses Jahres) Qualität in Planung, Architektur, im Wettstreit der besten Ideen sowie Quantität in Form von Arbeitsplätzen und gutem Wohn- und Freizeitraum für die hier lebenden Menschen. Bonins dritte Forderung: Geschwindigkeit in den Ideen und in den Prozessen.

In der Tat hat sich nun die CDU – zusammen mit ihrem sozialdemokratischen Anhängsel - beeilt, Dr. Bonins Forderungen Gestalt zu geben: Noch in der letzten Ratssitzung des Jahres wird die GroKo der Verwaltung den Auftrag geben, unter der Bezeichnung „Wachsende Stadt“ eine dezernatsübergreifende Organisationsstruktur einzurichten. Weiter soll die Verwaltung die „Ansiedlungs- und Standortpolitik entlang den Leitlinien des Wachstums in den kommenden Jahren fortentwickeln und mit einem konzernübergreifenden Kommunikationskonzept Mönchengladbach auch überregional als wachsende, moderne, dynamische und selbstbewusste Großstadt positionieren“.

„Investitionen für etwas anderes als Beton gelten in Deutschland als Ausgabe“, stellt dazu Grünen-Fraktionschef Karl Sasserath fest. Würde diese Definition dahingehend erweitert werden, dass Investition auch Finanzierung beispielsweise von Bildung wäre, dann ergäbe sich ein doppelter Gewinn: Mehr Geld für andere Projekte, kein Zwang zum Wachstum. Hintergrund dieser Überlegung ist der Umstand, dass mit Infrastruktur zugleich immer neue Bedingungen für Produktion, Konsumption und den Verbrauch von Ressourcen geschaffen werden. „Das ist so, wie jede Umgehungsstraße mehr Verkehr produziert“, sagt der Grünen-Politiker.

Wichtiges Ziel ist aus grüner Sicht eine Stadtentwicklung, die an die Klimafolgen angepasst ist. Auf die prognostizierte deutliche Zunahme von Hitzetagen und den Anstieg von Hitzebelastungen in den Innenstädten muss reagiert werden. Heißt: Vermeidung von Hitzeinseln durch Verzicht auf zusätzliche bauliche Verdichtung und mehr Grün in den Innenstädten. „Die Bebauung“, so Sasserath, „muss sich an einem zukunftsfähigen Stadtklimakonzept ausrichten. Dazu müsste das Wohnen im Grünen in den Innenstädten weiterentwickelt werden.“

Aus grüner Sicht ist klar, dass ein „qualitatives Wachstum der Stadt“ dem Ziel der Partizipation verpflichtet sein muss. Das heißt für Grünen-Ratsherrn Dr. Gerd Brenner: „Die soziale Mischung muss eine Richtlinie für den Wohnungsbau sein. Es darf keine weitere Gettoisierung von benachteiligten Bevölkerungsgruppen geben, Wohnraum und Baugrundstücke müssen auch für Normalverdiener erschwinglich sein. „Städtebauliche Qualität“ bedeute soziale Mischung und städtebaulich unterstützte Kontakte zwischen sozialen Gruppen. Bei der GroKo hat er eine Präferenz für teure provisorische Flüchtlingsunterkünfte festgestellt anstatt der Schaffung dauerhaften preiswerten Wohnraums.

Weiter muss in Mönchengladbach die Aufenthaltsqualität in öffentlichen Räumen verbessert werden. Das, so Dr. Brenner, gelte für alle Altersgruppen, besonders für Kinder und Jugendliche. „Untersuchungen der Hochschule Niederrhein haben ergeben, dass Familien u.a. deswegen einen Bogen um die Stadt machen, weil es hier nicht genügend öffentliche Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche gibt“, sagt der Grünen-Ratsherr. Projektansätze wie die „bespielbare Stadt“ in Rheydt müssten deutlich ausgeweitet werden und städteplanerisch gewollt sein.

Zum Thema Arbeitsmarkt in Mönchengladbach stellt Karl Sasserath fest, dass das Angebot an Arbeitskräften in den nächsten Jahrzehnten erheblich zurückgehen wird. In den nächsten 16 Jahren werden 96.000 Menschen aus dem Erwerbsalter austreten und dagegen nur 36.000 eintreten.  Dies macht ein Missverhältnis auf dem Arbeitsmarkt überdeutlich. Junge, nachkommende Arbeitnehmer, so Sasserath, würden ein immer wertvoller und gefragter. „Wir stehen hier in Konkurrenz zu anderen Kommunen“, sagt er. Dazu müssten die passenden Rahmenbedingungen geschaffen werden, Bildung, Ausbildung, Wohnraum und dies insbesondere bei den zugereisten jüngeren Menschen.
„Unterm Strich ist es so, dass wir ein Gemeinwesen nicht einfach so betrachten dürfen wie eine Firma“, so Sasserath. „Ein Unternehmen ist dazu da, fortlaufend Profit zu erwirtschaften, eine Stadt nicht. Mönchengladbach muss nicht stetig weiter wachsen, um Gewinne zu erzielen. Es darf auch nicht nur einfach gebaut werden, damit jemand gut verdient. Wir müssen in der Planung vielmehr alle Faktoren berücksichtigen, die dazu führen, dass Mönchengladbach auch künftig eine lebenswerte Stadt bleibt, die auf die vielfältigen Herausforderungen der Zukunft gut eingestellt ist. Dazu gehört mehr als Straßenbau oder das Errichten von Prestigegebäuden.“

Die gesellschaftspolitisch auf eine soziale Trennung der Bevölkerung ausgerichtete Grundhaltung, die er in dem GroKo-Antrag „Wachsende Stadt“ ausgemacht hat, vermag er jedenfalls nicht zu teilen. „Die hohe Kunst wird sein, die Wohn- und Lebensverhältnisse und die vielfältigen damit verbundenen Strukturen und Bedingungen in der Stadt spürbar zu verbessern“, so Sasserath.

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